Bald werden sie diplomiert und auf dem Arbeitsmarkt sind sie gefragt: die Absolventinnen und Absolventen des ersten Masterstudiengangs Sonderpädagogik an der PH Zug. Drei von ihnen erzählen vom Studium – und ziehen eine überwiegend positive, aber auch kritische Bilanz.
An den Schulen fehlen seit Jahren heilpädagogische Fachkräfte, um Kinder und Jugendliche mit Lern- und Entwicklungsbeeinträchtigungen zu unterstützen. Insbesondere, da viele dieser Kinder heute in Regelklassen integriert werden.
Um dem Mangel an qualifiziertem Personal entgegenzuwirken, hat die PH Zug 2023 den Masterstudiengang Sonderpädagogik lanciert. Sie setzt dabei auf wenig Präsenz und viel Selbststudium. Nun werden die ersten 44 Absolventinnen und Absolventen diplomiert.
Rita Huber wagt nochmals etwas Neues
Eine der Absolventinnen ist Rita Huber. Sie ist in Walchwil aufgewachsen, hat nach dem Lehrerseminar in Menzingen zuerst vier Jahre in Steinhausen unterrichtet und arbeitet nun seit 31 Jahren an der Schule Walchwil. Sie hat Erfahrung als Klassen- sowie als Fachlehrerin auf verschiedenen Stufen. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn wohnt die 56-Jährige in Unterägeri.

Bild: Jakob Ineichen (Walchwil, 11. 8. 2026)
Das Sonderpädagogik-Studium sei schon länger ihr Traum gewesen. «Dass ich es nun in Zug absolvieren konnte, ist umso schöner», so Huber. Die Ausbildung habe ihr wieder bewusst gemacht, wie umfassend man bei einem Kind hinschauen müsse, bevor eine Diagnose gestellt werden kann. «Die Förderung mit Kopf, Herz und Hand war bereits im Lehrerinnenseminar ein zentraler Grundsatz. Diese ganzheitliche Grundidee hat nichts an Bedeutung verloren.» Zu dieser umfassenden Arbeit als Heilpädagogin gehört auch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachstellen. Deren Bedeutung sei im Studium immer wieder betont worden, sagt Huber.
Für Huber war besonders das letzte Studienjahr intensiv – mit Masterarbeit, Praktikum, vielen Leistungsnachweisen, Hospitationen und regelmässigen Austauschrunden. «Nebst dem Berufsalltag hat das alles viel Zeit und Energie gekostet», erzählt sie.
Hubers Alltag in der Schule ist vielfältig: Sie arbeitet in verschiedenen Klassen, nach dem Unterricht macht sie sich Notizen, erstellt Fördermaterial oder schreibt Berichte. Zudem steht sie im Austausch mit Lehrpersonen, Eltern und Fachstellen. «Ich liebe die Arbeit mit Menschen. Diese Bandbreite macht es spannend», sagt Huber.
Christian Utzel feiert auch die kleinen Erfolge
Auch Christian Utzel hat die Sonderpädagogik-Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Der 40-Jährige arbeitet seit 2022 auf der Oberstufe der Schule Horbach in Zug, einer anerkannten Sonderschule im Bereich Verhalten. Seine Ausbildung zum Oberstufenlehrer absolvierte er in Deutschland und unterrichtete dort acht Jahre an einer integrierten Gesamtschule. Heute wohnt er mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern in Unterägeri.

Bild: Jakob Ineichen (Zug, 11. 8. 2026)
Für Utzel ist die Arbeit an der Sonderschule spannend, weil er den Jugendlichen helfen könne, eine Anschlusslösung zu finden. «Früher hatte ich ein einseitiges Bild von Menschen mit Beeinträchtigung. Heute weiss ich: Das sind keine Opfer, die haben etwas drauf.» Ihm bereite es Freude, auch kleine Erfolge mit den Jugendlichen zu feiern.
Die familiäre Atmosphäre an der PH und der Zusammenhalt unter den Studierenden hätten ihn positiv überrascht. Gleichzeitig habe ihn die Ausbildung gezwungen, eigene Fehler einzugestehen und seine Arbeit kritisch zu hinterfragen. «Das Studium hat mich aus meiner Komfortzone geholt», so Utzel.
Carina Keller hat den Schulalltag vermisst
Carina Keller hat die Ausbildung in Vollzeit absolviert. Die 30-jährige Oberstufenlehrerin wohnt mit ihrem Mann in Oberägeri und hat dort zwei Jahre als Fachlehrperson unterrichtet.

Bild: Jakob Ineichen (Zug, 11. 8. 2026)
Am Studium in Zug schätzte Keller besonders den hohen Praxisbezug und dass jeweils nur zwei Module parallel stattfanden. «So konnte ich mich über mehrere Wochen vertieft mit einem Inhalt auseinandersetzen und mich darauf fokussieren», sagt sie.
Den Schulalltag hat Keller manchmal vermisst. Auf diesen musste sie allerdings nur ein Jahr verzichten. Denn auch das Vollzeitstudium ist so konzipiert, dass Studierende im zweiten Jahr nur noch zu 50 Prozent studieren und nebenbei arbeiten. Somit konnte Keller bereits im letzten Schuljahr eine Oberstufenklasse im Loreto in Zug begleiten, wo sie auch künftig unterrichten wird.
Die Freiheit überzeugt – und fordert
Das Teilzeitstudium dauert drei Jahre und die Studierenden können nebenbei immer bis zu 50 Prozent arbeiten, im letzten Jahr ist eine Anstellung von rund 30 Prozent sogar obligatorisch. Vollzeitstudierende absolvieren dieselbe Ausbildung in nur zwei Jahren und sind im zweiten Studienjahr ebenfalls zu einer Anstellung von 30 bis 50 Prozent verpflichtet.

Bild: Screenshot aus Factsheet der PH Zug (30. 7. 2026)
Im Teilzeitstudium finden pro Jahr zwei Blockwochen und 20 Blocktage vor Ort statt. Der Rest ist Selbststudium, grösstenteils online. Durch diese wenigen, gebündelten Präsenztage unterscheidet sich die PH Zug von anderen Ausbildungsangeboten. Im letzten Jahr absolvieren die Studierenden zudem ein sogenanntes Komplementärpraktikum. Das heisst: Alle, die an einer Sonderschule arbeiten, gehen an eine Regelschule und umgekehrt.
Huber, Utzel und Keller würden alle drei den Studiengang wieder wählen und betonen die Vorzüge der Flexibilität. Gleichzeitig verlangt das selbstständige Lernen viel Disziplin. Huber reservierte sich fixe Zeitfenster und nutzte teilweise die Schulferien für PH-Aufträge. Utzel erinnert sich an intensive Phasen, in denen er nach Arbeit und Familienalltag noch Studienaufgaben erledigte. «Ich bin schon auch an meine Grenzen gestossen», sagt er.
Huber und Keller vermissten wegen der wenigen Präsenztage teilweise den persönlichen Austausch. «Man sollte sich bewusst sein, dass man viel Zeit alleine vor dem PC verbringt», sagt Keller. Umso mehr habe sie die Online-Austauschgefässe geschätzt, welche einige Dozierende angeboten haben.
Dass sie zum ersten Jahrgang gehörten, habe sich vor allem organisatorisch bemerkbar gemacht. Teilweise seien Anforderungen noch nicht ganz klar gewesen. Für die sieben Vollzeitstudierenden mussten manchmal Alternativen gesucht werden, erzählt Keller. Etwa bei einem Modul, in dem sie mit einer Klasse arbeiten mussten. «Für uns war das schwieriger zu organisieren, da wir im ersten Jahr keine Anstellung hatten», sagt sie. Alle drei betonen jedoch, dass sie regelmässig Feedback geben konnten.
Neue Bezeichnungen könnten das Image verbessern
Das Diplom erhalten die drei an der Feier vom 26. August an der PH Zug. Was müsste aus ihrer Sicht passieren, damit sich künftig mehr Menschen für eine Ausbildung zum Heilpädagogen oder zur Heilpädagogin entscheiden? Keller und Huber wünschen sich mehr Ressourcen für die schulische Inklusion. «Von Inklusionsmassnahmen profitieren alle», sagt Keller. Wenn in einer Klasse ein Kind mit besonderen Bedürfnissen ist, könne sie zusätzliche Lektionen in dieser Klasse präsent sein und während dieser Zeit auch den anderen Kindern helfen.
Huber betont zudem die Bedeutung von Wertschätzung im Team und durch die Schulleitung. Da das Studium eine Zweitausbildung ist, sei auch der Lohnausfall ein Hindernis, sagt Keller. Ihre Schule habe sie finanziell unterstützt, das würde sie sich für alle Studierenden wünschen.
Utzel wünscht sich zudem ein besseres Image für Lehrpersonen und Heilpädagoginnen. «Viele sagen mir: Das könnte ich nicht. Auch in den Medien lese ich Schlagzeilen wie ‹Lehrer am Limit›», sagt er. Ihm zufolge könnten neue Bezeichnungen helfen. So schlägt er vor, Sonderschulen künftig Kompetenzzentren zu nennen. Er erzähle den Leuten manchmal, er arbeite als Projektmanager. «Da reagieren sie viel positiver, als wenn ich mich als Lehrer oute», sagt er und lacht.
Für den nächsten Masterstudiengang Sonderpädagogik haben sich gemäss PH Zug 63 Personen angemeldet, das sind sechs mehr als im Vorjahr.
