Mit dem E-Bike auf Streife: Unterwegs mit Zugs Ortspolizistin Petra Weber

Petra Webers Polizeialltag hat wenig mit dem zu tun, was Filme und Serien zeigen. Die Zuger Ortspolizistin fährt mit dem E-Bike durch die Quartiere, sucht das Gespräch und nimmt sich Zeit für die Menschen. Gerade darin hat sie ihren Kindheitstraum vom Polizeiberuf wiedergefunden.

Kaum hat sie den Polizeiposten verlassen, wird Petra Weber direkt angesprochen. Ein Mann steigt aus seinem Lieferwagen. «Entschuldigung, dürfen die ihre Velos einfach überall hinstellen?», fragt er leicht genervt und deutet auf zwei Fahrräder vor einem Lokal am Kolinplatz. Auch ein «Töff» stehe ihm hier manchmal im Weg.

Weber lässt ihn erzählen. Dann erklärt sie ihm, dass es nicht verboten sei, die Velos dort abzustellen. «Die Velofahrer haben versucht, die Fahrräder möglichst an den Rand zu stellen. Zudem ist denen wahrscheinlich nicht bewusst, dass hier Autos durchfahren müssen», sagt Weber ruhig. Sie gibt dem Mann ihre Visitenkarte. «Melden Sie sich, wenn etwas ist.» Der Mann lächelt und winkt, bevor er wieder in sein Auto steigt.

Bereits wenige Meter neben dem Polizeiposten hat ein Lieferant eine Frage und spricht Petra Weber an.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Die Begegnung dauert wenige Minuten, niemand wird gebüsst und das Problem des Lieferanten lässt sich nicht unmittelbar lösen. Doch genau darum geht es bei Webers Arbeit: präsent sein, zuhören und Probleme auffangen, bevor sie eskalieren. «Manchmal hilft es schon, wenn die Leute bei mir Dampf ablassen können», sagt sie.

Sie wollte wieder raus aus dem Büro

Petra Weber ist Ortspolizistin im nördlichen Teil der Stadt Zug. Auf ihrem E-Bike patrouilliert die 49‑Jährige täglich in den Quartieren Loreto, Guthirt, Herti und Lorzen. Sie gehört somit zur Bürgernahen Polizei, einem Dienst, der bei der Zuger Polizei 2026 neu eingeführt wurde.

Polizistin zu werden, war schon als Kind ihr Traum. Ihr Vater habe die Polizei früher in seiner Freizeit bei bestimmten Aufgaben unterstützt. «Seine Geschichten haben mich damals beeindruckt», erzählt sie. Doch zuerst machte sie eine Lehre als Damenschneiderin. «Ich fand es todlangweilig», sagt sie und lacht. Sie hat nie auf dem Beruf gearbeitet und direkt die Polizeischule absolviert.

Nach zwölf Jahren im Dienst der Kantonspolizei Schwyz und einem Abstecher in einen Büroberuf wegen der Kinder kam sie 2020 zur Zuger Polizei, wo sie für Anlassbewilligungen zuständig war. «Ich wollte wieder mehr raus zu den Leuten, weniger Büroarbeit und mehr Abwechslung», sagt sie. Doch der Schichtdienst kam für sie nicht mehr infrage, weshalb ihr die Stelle als Ortspolizistin mit geregelten Arbeitszeiten gelegen kam.

Verbirgt sich hier eine Briefkastenfirma?

Der erste Halt an diesem Morgen ist ein Gebäude an der Baarerstrasse. Eine Amtsstelle konnte einer Firma, die dort ihren Sitz haben soll, einen Brief nicht zustellen. Weber will deshalb vor Ort abklären, ob und wie die Firma erreichbar ist.

Nachdem sie den Firmennamen bei den Briefkästen nicht finden konnte, fragt sie beim Empfang nach. «Die haben nur ein Virtual Office», sagt die Frau hinter der Theke. «Aber wer ist denn zeichnungsberechtigt?», fragt Weber. Sie erklärt der Empfangsdame ruhig, aber bestimmt, dass jede Firma eine zuständige Person braucht, die etwa eingeschriebene Briefe entgegennehmen kann. Die Frau scheint im Moment nicht weiterhelfen zu können.

Bei den vielen Namen muss genau hingeschaut werden. Ob wohl hier die gesuchte Firma angeschrieben ist?
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Weber gibt der Frau ihre Kontaktdaten, die sie den Verantwortlichen weitergeben soll. «Dann können die sich bei Ihnen melden?», fragt die Frau. «Nicht können, sie müssen», sagt Weber. Trotz Nähe zur Bevölkerung braucht sie auch als Ortspolizistin die nötige Strenge. «Wenn man nicht durchgreifen kann, ist man bei der Polizei am falschen Ort», so Weber. Die zuständige Person der Firma wird sich wenige Tage später telefonisch bei ihr melden.

Sie zieht die Blicke auf sich

Die Ortspolizistin macht sich auf den Weg Richtung Guthirt Quartier. Dort steht ihr ein Auto im Weg, das halb auf dem Velostreifen parkiert ist. Der Fahrer sitzt noch hinter dem Steuer. Weber hält neben ihm an und weist ihn darauf hin, dass der Velostreifen kein Parkplatz ist. Eine Busse stellt sie nicht aus. Der Mann fährt weg.

«Ich könnte jeden Tag mehrere Bussen-Blöcke leeren», sagt Weber. Doch Bussen zu verteilen sei nicht ihr Ziel, sie suche das Gespräch. «Ich habe bisher eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht», sagt Weber. «Die Leute wissen meist selbst schon, dass sie etwas Falsches machen. Wenn ich sie dann darauf anspreche, gibt es kaum Diskussionen.» Eine Busse verteile sie nur, wenn die Situation wirklich problematisch oder gefährlich sei.

Sie weist den Autofahrer freundlich darauf hin, dass der Velostreifen kein Parkplatz ist.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Wenn sie durch die Stadt radelt, zieht Weber die Blicke der Passantinnen und Passanten auf sich. Einige lächeln und nicken ihr zu, andere runzeln die Stirn. Eine Polizistin in Uniform auf dem Velo? Ein ungewohnter Anblick. Doch mit dem E-Bike ist sie langsamer unterwegs als im Auto und näher bei den Menschen.

Trotzdem trägt Weber Uniform und hat Dienstwaffe, Pfefferspray und Handschellen immer dabei. «Bei einigen Leuten löst die Uniform im ersten Moment Unbehagen aus. Genau diese Hemmungen möchte ich abbauen», sagt sie.

Auch als Ortspolizistin trägt Petra Weber die Unform und den Waffengurt.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Sie darf sich Zeit nehmen

Weber schlängelt sich mit dem Velo durch die Quartiere in ihrem Gebiet. Bei Auffälligkeiten kontrolliert sie Nummernschilder und sucht sie im System. Zwischendurch steigt sie auch ab und geht zu Fuss. An diesem Vormittag sind nur wenige Leute unterwegs.

Im Ammannsmatt-Quartier geht sie auf zwei ältere Frauen zu, die gerade miteinander plaudern. Weber stellt sich vor und erzählt von ihrer Arbeit. «Sie finden mich auch auf der Website der Polizei. Falls etwas ist, können sie mich kontaktieren», sagt Weber. «Hoffen wir es nicht», sagt eine der Frauen und lacht. «Sie können mir auch Positives berichten», sagt die Polizistin.

Die Bewohnerinnen dieses Quartiers freuen sich über den Austausch.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Wenig später grüsst Weber eine Frau über den Zaun, die gerade ihre Wäsche aufhängt. «Ahh, hallo Petra», sagt die Frau. «Bei diesem Wetter trocknet die Wäsche sicher schnell», meint Weber. Die Frau bejaht. Die Temperatur liegt bei über 25 Grad.

«Ich möchte mich mit der Bevölkerung vernetzen und darf mir für solche Gespräche Zeit nehmen», sagt Weber. Besonders ältere Menschen, die manchmal einsam sind, würden sich über kurze Unterhaltungen sehr freuen. «Manchmal entschuldigen sich die Leute, weil sie denken, sie halten mich auf.»

Petra Weber beim Rundgang durch ein Quartier.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Sie macht keine Ermittlungsverfahren

Doch durch vermeintlich belanglose Gespräche erfahre sie manchmal auch Interessantes für ihre Arbeit, sagt Weber. «Wenn sich jemand aufregt, dass der Nachbar die Büsche zu kurz geschnitten hat, weiss ich, dass es dort Konfliktpotenzial gibt», erklärt sie. Der Austausch dient deshalb nicht nur der Beziehungspflege, sondern auch als Frühwarnsystem für Konflikte.

Auch beim letzten Stopp des Morgens, dem Einkaufszentrum Herti wird Weber angesprochen. «Suchen Sie etwas?», fragt eine junge Frau hinter der Theke des Migros-Kundendienstes. Es folgt eine Unterhaltung über Webers Arbeit und Ausbildung, die Polizei-Ausrüstung und die Hitze.

«Wir melden uns beim nächsten Ladendiebstahl», sagt die Frau und lacht. Weber erklärt, dass sie dafür nicht zuständig sei, sondern ihre Kolleginnen und Kollegen auf dem Posten. Sie mache als Ortspolizistin keine Ermittlungsverfahren.

Auch für kurzweilige und Informative Gespräche nimmt sich Petra Weber gerne Zeit.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Sie lebt wieder ihren Kindheitstraum

Den Nachmittag verbringt Weber in ihrem Büro am Kolinplatz. Dort tätigt sie unter anderem Telefonate. Auch hier handelt es sich meist um kleinere Vorkommnisse: Sie ruft etwa eine Frau an, die sich über zu viel Müll und Lärm bei einer Baustelle beklagt, oder Personen, welche sich beim Betreibungsamt melden müssen.

Büroarbeit und Telefonate gehören ebenfalls dazu.
Bild: Mathias Blattmann (Zug, 14. 8. 2026)

Viele verbinden Polizeiarbeit mit Bussen, Festnahmen und gefährlichen Situationen. Webers Alltag sieht anders aus. Genau darin liegt wohl der Wert ihrer Arbeit: Die unspektakuläre Tätigkeit ist gerade deshalb relevant, weil sie verhindern soll, dass später grössere Einsätze nötig werden.

Petra Weber lebt also wieder ihren Kindheitstraum. «Endlich ist die Arbeit wieder so, wie ich sie mir schon als Kind vorgestellt habe. Es ist so schön, dass ich mir für die Leute Zeit nehmen kann», sagt sie. «Ich weiss am Morgen nie, was an diesem Tag alles auf mich zukommen wird.»

Veröffentlicht in der Zuger Zeitung