«Boah, das schmeckt geil»: Der Pausenkiosk in Steinhausen ist weit mehr als ein Verkaufsstand

Während ihre Mitschüler Pause machen, stehen Ana van der Ende und Jana Zimmermann hinter der Verkaufsklappe des Pausenkiosks. Dort lernen sie nicht nur, Birchermüesli zuzubereiten und Geld einzukassieren. Sie müssen sich auch gegen ungeduldige Gleichaltrige behaupten.

Die Kundschaft von Ana van der Ende und Jana Zimmermann ist anspruchsvoll. «Boah, das schmeckt geil. Letzte Woche war es nicht so gut», sagt ein Jugendlicher mit tiefer Stimme. Ana hat ihm gerade einen Löffel Birchermüesli zum Probieren hingestreckt. «Gib mir eins, aber gratis», sagt er und grinst. «Nein», antwortet Jana. «Komm schon!» Doch die Verkäuferin lässt sich nicht umstimmen: «Nein, du musst bezahlen.» Der Jugendliche sagt: «Ich habe gar kein Geld dabei.»

Solche Situationen sind Ana und Jana (beide 14) mittlerweile gewohnt. Die beiden besuchen die zweite Oberstufe in Steinhausen und betreiben diese Woche den Pausenkiosk. Das machen sie alle sechs Wochen. Um kurz nach neun Uhr treffen sie sich an diesem Montag mit der Oberstufenlehrerin Murielle Wenger (31) in der Schulküche. Diese liegt im Untergeschoss des Gebäudes, wo es angenehm kühl ist. An den Wänden hängen laminierte Blätter mit Ämtli wie «Abtrocknen» oder «Tische reinigen», bunte Kochschürzen und Schilder mit Sprüchen wie «Essen ist ein Bedürfnis, Geniessen ist eine Kunst».

Neues Konzept hatte es anfangs schwer

«Normalerweise sind sie zu dritt. Aber heute fehlt jemand, deshalb helfe ich etwas mehr mit. Am Montag produzieren wir jeweils für die ganze Woche», sagt Murielle Wenger und legt die Zettel mit den Rezepten auf die Kochinsel. Gemeinsam mit 18 Schülerinnen und Schülern aus allen Oberstufenklassen hat Wenger den Pausenkiosk zu Beginn des Schuljahres neu konzipiert. Statt Chips und Fertigprodukte gibt es heute selbst gemachte Snacks, grösstenteils gesund. «Es dauerte etwas, bis das neue Angebot angenommen wurde. Mittlerweile läuft es gut», sagt sie. Die Einnahmen werden auf alle Klassen verteilt. «Ich finde es wichtig, dass wir auf die Gesundheit der Schüler achten», sagt Ana. Jana stimmt ihr zu.

Murielle Wenger (rechts) unterstützt die Schülerinnnen bei den Vorbereitungen in der Schulküche.
Bild: Mathias Blattmann (Steinhausen, 8. 2. 2026)

Um keine Zeit zu verlieren, werden in der Schulküche gleich die Aufgaben verteilt: Jana macht den Teig für die Blaubeermuffins, Ana bereitet das Birchermüesli zu und Murielle Wenger kümmert sich um die Müsliriegel. «Wo sind die Muffinformen?», fragt Jana ihre Lehrerin. Auch den Kompost findet Ana nicht auf Anhieb. Obwohl die meisten Schränke und Schubladen beschriftet sind, haben die Mädchen noch etwas Mühe, sich in der Küche zurechtzufinden. «Unsere Klasse besucht den Kochunterricht in einer anderen Schulküche», erklärt Ana. «Dort kennen wir uns besser aus.»

Konzentriert folgen die Mädchen den Anweisungen der Rezepte. Ana raffelt drei Äpfel in ihr Birchermüesli, während Jana den Muffin-Teig mixt. Murielle Wenger schiebt die Teigmasse für die Müsliriegel in den Backofen und bald erfüllt ein süsslicher Geruch den Raum. «Wie war es beim Schnuppern?», fragt Wenger und die beiden Mädchen erzählen. Auch für solche Gespräche bleibt zwischendurch Zeit. «Wir schätzen den Austausch mit Frau Wenger. Sie interessiert sich für uns und lobt uns regelmässig für unsere Arbeit im Pausenkiosk», sagt Ana. Doch zu viel plaudern können sie nicht, denn für die Vorbereitung haben die drei nur eine knappe Lektion Zeit.

Die Pause rückt näher

«Sind das zwei Deziliter?», fragt Ana und hält Jana den Behälter hin, in den sie Milch gefüllt hat. Jana schaut genau auf die Massangaben und sagt schliesslich: «Ja.» Seitdem ihr ein Missgeschick passiert sei, nehme sie es mit den Mengenangaben sehr genau, erzählt Ana und lacht: «Beim ersten Mal habe ich zwei Liter anstatt zwei Deziliter Milch ins Birchermüesli geleert.» An diesem Morgen passieren den beiden aber keine Fehler. Einzig die Popcornmaschine verteilt ein paar der gepoppten Körner auf dem Küchenboden.

Die Menge der Zutaten muss stimmen: Jana kontrolliert, ob Ana richtig abgemessen hat.
Bild: Mathias Blattmann (Steinhausen, 8. 2. 2026)

Die Zeit wird knapp, in zehn Minuten beginnt die Pause. Die Muffins sind im Ofen und das Birchermüesli ist angerichtet. Jana spült die Rührbesen des Mixers ab und Ana reinigt die Küchenoberfläche mit einem Lappen. «Den Rest räume ich auf», sagt Wenger. Die Mädchen bedanken sich und machen sich mit Birchermüesli, Popcorn, Schlüssel und Kasse in den Händen zügig auf den Weg zum Pausenkiosk.

Dieser befindet sich direkt vor dem Schulhaus Feldheim, ist wenige Quadratmeter gross und mit Weltall-Motiven bemalt. Die zwei Verantwortlichen nutzen die letzten Minuten, um sich einzurichten. Sie legen alles bereit und öffnen die Verkaufsklappe. Die Tür schliessen sie von innen ab. «Es wollten auch schon Kinder durch die Tür reinkommen und so an Essen rankommen», erinnert sich Jana.


Die Ruhe vor dem Sturm: Ana und Jana richten sich im Pausenkiosk ein.
Bild: Mathias Blattmann (Steinhausen, 8. 2. 2026)

Warme Toasts sorgen für Hochbetrieb

Dann erklingt die Schulglocke und von allen Seiten strömen Oberstufenschülerinnen und -schüler auf den Pausenplatz. Es wird sofort laut. «Was gibt es heute?», fragt ein Junge. «Popcorn und Birchermüesli», antwortet Ana. Ein Schälchen voll Popcorn kostet einen Franken, ein Birchermüesli zwei Franken. Der Junge kauft zwei Popcorn.

Es ist das einzige, was Ana und Jana an diesem Morgen verkaufen. Doch das sei nicht immer so, erzählen die beiden. «Manchmal sind wir auch ausverkauft. Am Dienstag und am Donnerstag bieten wir warme Toasts mit Schinken und Käse an, die sind sehr beliebt. Die Maschine zum Wärmen ist nicht die schnellste. Dann werden die Wartenden ungeduldig und drängeln», sagt Jana. «Ab 10 Uhr nehmen wir keine Toast-Bestellungen mehr an, weil sie sonst nicht vor Ende der Pause fertig werden. Das verstehen nicht alle», ergänzt Ana. Bei grossem Andrang sei es auch schwierig, die Reihenfolge der Bestellungen im Griff zu haben. «Einige beklagen sich dann, dass sie zuerst bestellt hätten. Das ist schon stressig für uns.»

Eine Freundin der beiden kommt vorbei, um ein wenig zu plaudern. Es geht ums Nachsitzen und um den Geburtstag ihrer Tante. Immer wieder probieren Jugendliche, einen Gratis-Snack zu ergattern. «Kommt schon», sagt ein Junge, «es bleibt eh was übrig. Ihr wollt das nur selber essen, gebt’s doch zu.» Jana und Ana bleiben freundlich, aber konsequent: «Was übrig bleibt, verkaufen wir morgen.»

Für die Verkäuferinnen kann es schnell mal stressig werden.
Bild: Mathias Blattmann (Steinhausen, 8. 2. 2026)

Einzig beim Bezahlen mit Twint drücken sie gelegentlich ein Auge zu. Die Jugendlichen können nur bar bezahlen, da Handys in der Pause nicht erlaubt sind. «Trotzdem fragen viele, ob sie uns den Betrag twinten können. Wenn jemand nett fragt, lasse ich es manchmal zu, dass sie mir nach der Schule twinten. Ich lege das Bargeld dann am nächsten Tag in die Kasse», verrät Ana.

Sie wünschen sich mehr Wertschätzung

Wieso verzichten die beiden Mädchen die ganze Woche auf die Pause am Vormittag, um dann ungeduldigen Gleichaltrigen die Stirn bieten zu müssen? Für sie sei der soziale Aspekt zentral. «Ich finde es toll, dass ich mit Leuten ins Gespräch komme, mit denen ich sonst kein Wort reden würde. So entstehen oft lustige Konversationen», erzählt Jana. Sie möchte eine Lehre als Hotelkommunikationsfachfrau machen. Dort gehört der Service auch dazu. «Beim Pausenkiosk lerne ich den Umgang mit verschiedenen Menschen, auch mit nervigen», sagt sie und lacht. Ana stimmt zu. «Ich merke beim Verkauf extrem, dass die Freundlichkeit, die ich gebe, zurückkommt.» Ihr gefällt auch das Zubereiten, bei dem sie lerne, sich in der Küche zurechtzufinden. Dabei lasse sich die Schülerin auch gerne inspirieren: «Manchmal mache ich mir zum Frühstück ein Birchermüesli.»

Etwas mehr Wertschätzung würden sie sich manchmal trotzdem wünschen: «Nicht alle Lehrpersonen schätzen unsere Arbeit so sehr wie Frau Wenger», sagt Ana. «Auch wenn es Spass macht, ist es schon zusätzlicher Aufwand. Am Montag verpassen wir immer eine Lektion Unterricht und auch an den anderen Tagen müssen wir jeweils etwas früher gehen, um alles vorzubereiten. Heute haben wir eine Prüfung verpasst, die wir dann nachholen müssen», sagt Jana.

So sieht das aktuelle Angebot am Pausenkiosk aus.
Bild: Mathias Blattmann (Steinhausen, 8. 2. 2026)

Murielle Wenger ist stolz auf die Jugendlichen und von deren Eigenverantwortung und Engagement positiv überrascht. «Es ist eine grosse Aufgabe für die Jugendlichen. Besonders für Schüler aus der ersten Oberstufe ist es herausfordernd, sich beim Verkauf zu behaupten. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein», sagt Wenger.

Im nächsten Schuljahr übergibt Wenger die Projektleitung an eine Hauswirtschaftslehrperson. Diese werde es sehr ähnlich weiterführen. Ana wechselt nächstes Jahr an die Kantonsschule und wird deshalb nicht mehr dabei sein. Jana muss es sich noch überlegen. Doch sie sind sich einig: Den Pausenkiosk zu betreiben, ist eine tolle Erfahrung.

Veröffentlicht in der Zuger Zeitung