«Mord auf der Bank» und andere Meisterwerke

Redaktorin Nadine Gasser darüber, wieso nicht das Leben die schönsten Geschichten schreibt – sondern ihre ehemaligen Schülerinnen und Schüler.

Vor meiner Tätigkeit als Journalistin habe ich im Kanton Zug auf der 5./6. Primarstufe unterrichtet. Das Schreiben und Redigieren von Texten nimmt jetzt einen viel grösseren Teil meines Arbeitsalltags ein. Doch auch als Lehrperson habe ich immer wieder Texte überarbeitet und korrigiert, insbesondere Aufsätze. Das war einerseits zeitaufwendig und manchmal frustrierend, andererseits oft sehr unterhaltsam.

So etwa beim Krimi-Schreiben. Bereits mit ihren direkten Titeln haben mich einige Schülerinnen und Schüler abgeholt: «Mord auf der Bank», «Unfall im Maisfeld» oder «Tragische Liebe» titelten sie. Auch so mancher Texteinstieg brachte mich zum Schmunzeln. So eröffnete ein Schüler grandios mit: «Das ist ich». Eine Schülerin begann ihren Krimi ganz abgeklärt: «Ich holte wie jeden Morgen die Zeitung und sah die Schlagzeile. Dass es wieder einen Mord gegeben hatte, erstaunte mich nicht. Denn in einer so grossen Stadt wie New York gab es andauernd Morde.»

Ein Schüler bewies in seiner Krimi-Geschichte eine gute Portion trockenen Humor: «Ich verlasse das Haus und sehe, dass Autoteile auf der Strasse liegen und ein Mann aus einem brennenden Fahrzeug steigt. ‹Jemand hatte wohl nicht so einen guten Morgen›, denke ich und gehe zur Arbeit.» Eine andere Schülerin beeindruckte mich mit ihren selbstbewussten Figuren. Sie schrieb: «Ich schaute in den Spiegel, sah mich an und sagte zu mir selbst: ‹Wow, heute siehst du bombastisch aus!›» Ein Junge nahm es mit den Charakterbeschreibungen besonders genau und schrieb: «Der Dieb war ganz pink angezogen, nicht so wie ich. Denn ich trug schwarze Schuhe, blaue Socken, braune Hosen, eine blaue Lederjacke, einen grauen Cowboyhut und meine gelben Lieblingsunterhosen.»

Nicht nur mit ihren fiktionalen Geschichten unterhielten mich die Kinder bestens. Auch ihre Berichte über den Zukunftstag, an dem sie eine erwachsene Person bei der Arbeit begleiteten, sind durchaus lesenswert. So habe ich von einer Schülerin wertvolle Tipps für den Büroalltag erhalten: «Man muss selbstständig sein. Man darf auf keinen Fall etwas Falsches machen, weil es dann ein Chaos gibt. Es ist wichtig, dass man gut mit den Kunden umgeht. Man darf keine Fluchwörter schreiben, wenn der Kunde nicht rechtzeitig bezahlt.»

Diesen Text beende ich so, wie es meine Schüler manchmal gerne taten. Etwas abrupt und mit einem Wort in Grossbuchstaben: ENDE.

Veröffentlicht in der Zuger Zeitung