Redaktorin Nadine Gasser über eine ungewollte Pause, die überraschend guttat.
Hoffnungsvoll bin ich die Treppe am Bahnhof hochgerannt. Doch oben angekommen, konnte ich dem Bus nur noch nachschauen. Na toll, dachte ich und wischte mir den Schweiss von der Stirn. Nun durfte ich eine ganze Stunde auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten. Zu allem Übel hatte mein Handy – mit dem ÖV-Ticket drauf – kaum noch Akku. Ich wühlte in meiner Tasche, konnte dort aber weder ein Buch noch eine andere brauchbare Ablenkung finden. Mist.
Einfach nichts tun und warten? Das bin ich mich im Alltag so gar nicht gewohnt. Normalerweise bin ich darauf bedacht, meine Termine nahtlos aneinander zu planen. Ich möchte schliesslich möglichst viel aus meiner Zeit herausholen: Nach der Arbeit noch ein Znacht bei der Kollegin, zum Sport mit meiner Schwester oder in die Chorprobe. Am Samstag ein Ausflug mit dem Göttibueb und am Abend noch an ein Konzert. Vielleicht noch ein Sonntags-Brunch mit der Familie? Die freien Zeitfenster sind mit Arbeiten im Haushalt, Lesen oder einer Folge der Lieblingsserie immer schnell überbrückt.
Kurzerhand beschloss ich, zur nächsten Bushaltestelle zu spazieren, in der Hoffnung, die Zeit würde dann schneller vergehen. Zu meiner Überraschung merkte ich, dass dieses Warten gar nicht mal so schlecht war. Endlich blieb mir etwas Zeit im sonst so vollgepackten Alltag, um einfach meinen Gedanken nachzugehen. Ganz ohne dabei schon dem nächsten Termin hinterherzuhetzen.
An der Haltestelle angekommen, setzte ich mich auf das «Bänkli» und beobachtete die vorbeikommenden Leute. Auch das fand ich erstaunlich amüsant: Ich sah eine ältere Dame, die ihren widerspenstigen Hund hinter sich herziehen musste. Dann lief eine Gruppe Jugendlicher vorbei, die lautstark über ihr Liebesleben diskutierten. Später beobachtete ich ein Kind, das gegen sein schmelzendes «Glacé» ankämpfte und kläglich scheiterte: Die Hälfte landete nämlich auf seinem T-Shirt.
Ich muss zugeben: Ich habe es regelrecht genossen, meine Zeit zu verplempern. Viel zu schnell ging diese Stunde vorbei, und ich war sogar ein wenig enttäuscht, als ich von Weitem den Bus einbiegen sah. Ich stieg ein, setzte mich hin und musste schmunzeln. Es schadet nicht, gelegentlich zum Nichtstun gezwungen zu werden, dachte ich. Vielleicht sollte ich öfter mal den Bus verpassen.
