Deutschkompetenzen nehmen ab – auch bei Kindern mit deutscher Muttersprache

Ein kantonaler Fachgruppenbericht behandelt den Leistungsrückgang im Fach Deutsch. Die Einschätzungen von Fachgruppe, Bildungsdirektion und Lehrerverband zeigen: Die Ursachen dafür sind vielfältig – und es besteht Handlungsbedarf.

«Deutschkompetenzen nehmen ab», so lautet der Titel des jährlichen Berichts der kantonalen Fachgruppe Deutsch, der Ende März veröffentlicht wurde. Darin wird erklärt, dass im Lehrplan das Fach Deutsch in insgesamt sechs Bereiche aufgeteilt wird. In einzelnen blieben die Leistungen stabil, in anderen gab es Rückgänge. «Zu beachten ist dabei, dass Testsituationen stark variierten», heisst es im Text.

Kerstin Wirz-Burkard ist Leiterin der Fachgruppe Deutsch und Klassenlehrerin an der Oberstufe in Unterägeri. Sie sagt: «Vor allem beim Textverständnis und bei der Rechtschreibung gibt es Rückgänge. Es ist allerdings schwierig, aus den verschiedenen standardisierten Tests allgemeingültige Aussagen abzuleiten.» Ihr zufolge haben sich die Anforderungen im Fach Deutsch verändert, was Vergleiche mit früheren Generationen schwierig macht. «Rechtschreibung hat heute nicht mehr dieselbe Gewichtung im Lehrplan wie früher», sagt sie.

Kerstin Wirz-Burkard ist Leiterin der Fachgruppe Deutsch und Klassenlehrerin an der Oberstufe in Unterägeri.
Bild: zvg

Soziale Herkunft beeinflusst die Sprachkompetenz

Doch worauf ist dieser Leistungsabfall im Deutsch zurückzuführen? Der Bericht versucht Antworten zu geben: Besonders sozial benachteiligte Gruppen weisen tendenziell eine unterdurchschnittliche Sprachkompetenz auf, wie die Auswertung von Testergebnissen deutlich zeigt.

Der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss verweist zur Unterstützung sozial benachteiligter Kinder auf das Projekt «Unterschiede nutzen, Chancen erkennen», bei dem die Pädagogische Hochschule Zug Unterstützungsangebote für Schulen anbietet. Zudem sagt Schleiss: «Die Schule darf mit benachteiligten Schülern kein fachliches Mitleid haben. Wenn wir etwas für benachteiligte Schüler ändern wollen, dann müssen wir mit ihnen hohe Ziele erreichen.»

Entgegen der häufigen Annahme gehe die Deutschleistung auch bei Lernenden mit deutscher Muttersprache zurück, heisst es im Bericht. Trotzdem ist gemäss Wirz-Burkard Deutsch als Zweitsprache (DaZ) an Fachgruppen-Sitzungen immer wieder thematisiert worden.

«Das Bedürfnis nach DaZ-Stunden ist gestiegen. Einige bräuchten dieses Förderangebot länger, als es die kantonalen Richtlinien zulassen», sagt Wirz-Burkard. Diese Ansicht vertritt auch Pascal Christen. Er ist Co-Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Kanton Zug (LVZ) und unterrichtet als Klassenlehrer an der Oberstufe in Baar. «Es ist teilweise herausfordernd, genügend ausgebildete Lehrpersonen zu finden, da die Auswahl oft klein ist», sagt er. Gemäss Wirz-Burkard sind bei der Fachgruppe auch Rückmeldungen eingegangen, dass an Gymnasien Bedarf an DaZ-Unterstützung bestehe.

Klare Smartphone-Regeln sollen helfen

Als weiterer Grund für die abnehmende Deutschkompetenz wird im Bericht die zunehmende Smartphonenutzung genannt, welche auch den Sprachgebrauch beeinflusst. Jugendliche nutzen Sprache am Handy meist dialogisch und schriftlich. In der Schule werden aber auch andere Kompetenzen geprüft.

Sie versuche, im Untericht darauf einzugehen, sagt Wirz-Burkard. «Meine Schüler erzählen, dass sie in Schweizerdeutsch chatten und dabei nicht auf die Rechtschreibung achten würden. Ich ermutige sie, dort möglichst korrekt zu schreiben, um es zu üben.» Schleiss plädiert hier für Stabilität: «Sprache braucht ein starkes Fundament aus Rechtschreibung und Grammatik», sagt er. «Beim Auswendiglernen von Gedichten und Theatertexten erholt sich das abgelenkte Gehirn.»

Stephan Schleiss ist Zuger Regierungsrat und steht der Bildungsdirektion vor.
Bild: zvg/Kanton Zug

Im Bericht heisst es weiter: «Von dem sich veränderten Sprachgebrauch abgesehen, steht jedoch fest, dass sich eine unreflektierte und intensive Smartphonenutzung im Kindes- und Jugendalter negativ auf die Hirn- und Sprachentwicklung auswirken kann.» Wirz-Burkard sagt: «Ich beobachte, dass einige Jugendliche beim Umgang mit digitalen Medien zuhause kaum begleitet werden.»

Sie erzählt von einem Pilotprojekt an der Schule Unterägeri: «Die Handys müssen auf dem Schulareal ausgeschaltet und in den Schultaschen aufbewahrt werden, da sie die Jugendlichen zu stark ablenken.» Manchmal brauche es diese Art von Vereinbarung. Die Regeln würden auch mit den Jugendlichen thematisiert. Zudem habe jedes Kind an der Schule ein eigenes Tablet, um den Umgang zu lernen.

Der LVZ wünscht sich kleinere Klassen

Im Bericht wird zudem empfohlen, die deutsche Sprache bewusst zu pflegen und zu vermitteln, dies möglichst in allen Schulfächern. Doch bleibt dazu im Schulalltag genügend Zeit? Gemäss Wirz-Burkard ist der Lehrplan sehr umfangreich. Das sieht auch Schleiss so: «In meinen Augen müssen wir den Lehrplan 21 überprüfen. Beim Deutsch stimmt das Verhältnis zwischen Tiefe und Breite nicht. Wir verzetteln uns.»

Um Lehrpersonen zu entlasten, setzt sich der LVZ zudem für kleinere Klassen ein. «Diese machen einen riesigen Unterschied und beeinflussen die Unterrichtsqualität positiv», sagt Co-Präsident Pascal Christen. Ihm zufolge müssen Lehrpersonen heute viel leisten. «Die Klassen sind sehr heterogen und viele berichten über verhaltensauffällige Schüler. Die Lehrperson muss sich dann mit diesen sozialen Problemen beschäftigen und hat dementsprechend weniger Zeit für die Förderung der Grundkompetenzen», sagt er.

Diese hohe Belastung macht den Beruf gemäss Christen weniger attraktiv: «Zwar können im Kanton Zug im Moment noch alle Stellen besetzt werden, aber Schulen haben oft Mühe, Stellvertretungen zu finden. Die Auswahl an Bewerbenden ist klein, besonders in ländlicheren Gemeinden.» Ihm zufolge steht und fällt der Unterricht mit der Lehrperson: «Wenn nicht mehr genügend gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte gefunden werden, leidet die Unterrichtsqualität stark darunter.»

Pascal Christen ist Co-Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Zug (LVZ).
Bild: zvg

Separative Gefässe bleiben wichtig

Schleiss sieht es als Aufgabe der Politik, den Lehrpersonen den Rücken freizuhalten, auch beim «Problemverhalten» von Schülern: «Verhaltensauffällige Schüler fressen Ressourcen, die auch im Deutschunterricht fehlen. Darum müssen künftig wieder alle Zuger Schulen über separative Angebote für Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten verfügen. Wer den Unterricht stört, muss das Klassenzimmer verlassen. Sofort. Eigentlich verrückt, dass wir diese Selbstverständlichkeit ins Schulgesetz schreiben mussten.»

Dies sei ein Schritt in die richtige Richtung, reiche aber nicht aus, meint Christen: «Jede Schule entwickelt ein eigenes Konzept. Oft sind aber die Hürden zu hoch, bis ein Kind das Angebot in Anspruch nehmen kann, oder es fehlt an Plätzen. Eltern müssen mit einbezogen und Formulare ausgefüllt werden.» Ein niederschwelliges, rasches Angebot würde da helfen. Zudem müsste man ihm zufolge dringend mehr Stunden sprechen, in denen ein Schulischer Heilpädagoge oder eine Schulische Heilpädagogin (SHP) die Lehrperson im Unterricht unterstützt.

Der Bildungsrat hat andere Pläne: Dieser erarbeitet gemäss Schleiss zurzeit eine Lösung für die frühe Deutschförderung, noch vor dem Kindergarten: «Damit verbessern wir die Sprachkenntnisse für den Start in Kindergarten und Schule. Wir überlegen uns, diese Förderung auch mit einem Spracheintrittstest für die Schule zu verbinden.»

Kerstin Wirz-Burkard ist mit dem Kanton Zug und besonders mit der Schule Unterägeri als Arbeitgebende sehr zufrieden. Wenn man nach Unterstützung frage, werde auch darauf eingegangen. «Man muss als Lehrperson manchmal für die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler und für sich als Lehrperson einstehen», fügt sie an. «Bei wichtigen Entscheiden werden Lehrpersonen nicht immer genügend mit einbezogen. Ich glaube nicht, dass dies böswillig passiert, doch manches wird schlicht nicht mitbedacht. Wäre die politische Ebene zusammen mit der Lehrerschaft mehr im Dialog, gäbe es auch weniger Reibungspunkte bei Umsetzungen in die Praxis.»

Veröffentlicht in der Zuger Zeitung